Zwangsarbeit für den Endsieg
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Ausstellungseröffnung mit Vortrag
(Mainz – eig. Bericht) Zahlreiche Menschen hatten sich an diesem Sonntagabend um 18 Uhr im gut besuchten Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz in der Mainzer Flachsmarktstraße 36 eingefunden, um dem Vortrag von Anett Dremel zu lauschen.
Die stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte KZ Mittelbau-Dora in Nordhausen (Thüringen) war eigens nach Mainz gereist, um im Rahmen der Mainzer Erinnerungswochen 2024 diese erste Veranstaltung zu gestalten. Es sollte ein interessanter und denkwürdiger Abend werden.
Ihre Vorstellung der Ausstellung hatte die Historikerin in mehrere Abschnitte untergliedert. Nach einer Einführung mit historischem Kontext folgten noch vier Schwerpunkte, die dem interessiert lauschenden Publikum in 60 Minuten geballte Informationen und umfassend erklärte Zusammenhänge und Hintergründe nahe brachten.
Vom Außenlager Dora zum KZ Mittelbau
Erzählt wurde die Gründung des KZ-Außenlagers Dora mit der Verlagerung der Raketenrüstung aus Peenemünde, der Einrichtung des unterirdischen Konzentrationslagers im Kohnstein im Herbst 1943 und die Entwicklung vom Buchenwalder Außenlager „Dora“ zum selbständigen KZ Mittelbau im Laufe des Jahres 1944. Thema war ferner die Einbettung des KZ Mittelbau in den regionalen NS-Lagerkosmos. In einem Landschaftsrelief des Harzes sind die Standorte der Lager des KZ Mittelbau markiert. Diese zogen sich als dichtes Netz über die gesamte Region.
Die Häftlinge
In diesem Abschnitt wurde gezeigt, aus welch vielfältigen Gründen Häftlinge in die Konzentrationslager eingewiesen worden waren und aus welchen Herkunftsländern die Insassen des KZ Mittelbau-Dora stammten. Es wurden Hierarchien innerhalb der Häftlingsgesellschaft aufgezeigt, wozu auch das System der Funktionshäftlinge gehörte. Das bestimmende Kennzeichen der KZ-Haft in Mittelbau-Dora war die mörderische Zwangsarbeit. Sie steht deshalb auch in diesem Ausstellungsabschnitt im Mittelpunkt. Weitere wichtige Themen waren der Widerstand und die Selbstbehauptung der Häftlinge.
Anett Dremel wollte sich in ihrem Vortrag aber nicht nur auf den üblichen Blick auf die Häftlinge und deren Situation und Leiden konzentrieren. Vielmehr führte sie das Publikum in einem folgenden Abschnitt
Täter, Mittäter und Zuschauer
an die Menschen heran, die die Gräueltaten erst ermöglichten bzw. sogar selbst begingen.
Deshalb wurden die Angehörigen der Lager-SS und die Wachmannschaften dargestellt, die sich zu einem großen Teil aus Luftwaffensoldaten zusammensetzten. Anhand biografischer Beispiele wurden auch Manager, Techniker und Ingenieure präsentiert, ohne die der Betrieb des KZ Mittelbau-Dora nicht möglich gewesen wäre. Ferner wurden Fragen nach der Einbindung der Mittelbau-Lager in die regionale Wirtschaftsstruktur und nach der Haltung der von der Häftlingsarbeit profitierenden Firmen aufgeworfen.
Das letzte Kapitel ihres Vortrages überschrieb die Thüringerin mit den Worten
Zusammenbruch und kein Ende
Mit der Ankunft von 16.000 Häftlingen, die von der SS im Winter 1944/45 aus den geräumten Konzentrationslagern Auschwitz und Groß-Rosen in den Harz gebracht wurden, begann die Auflösungsphase des KZ Mittelbau. In diesem letzten Teil des Vortrages wurden zudem die Todesmärsche aus dem geräumten KZ Mittelbau im April/Mai 1945, die Befreiung einiger hundert Überlebender in Dora und in der Boelcke-Kaserne am 11. April 1945 sowie die Geschichte des „DP-Camps“ Dora dargestellt. Ferner wurden die Prozesse gegen nur wenige Täter aus dem KZ Mittelbau präsentiert, die im Kontrast stehen zu den Nachkriegskarrieren vieler anderer Täter, vor allem der Manager und Ingenieure, und zu den Lebenswegen von KZ-Überlebenden, die lange vergeblich auf gesellschaftliche Anerkennung und materielle Entschädigung warten mussten.
Erstes Durchatmen bei der Vortragenden und dem Publikum, dann kamen die Fragen. Und zwar reichlich. Denn das Publikum war den Ausführungen Anett Dremels aufmerksam gefolgt und wollte noch mehr wissen, zum eigentlichen Thema des Abends, allerdings auch zu mehr oder weniger damit zusammenhängenden Themen.
Nach einer knappen halben Stunde meldete sich der Enten-Coach Ronald zu Wort, bedankte sich für die Einführung in die Ausstellung und überreichte der Vortragenden die gelbe Badeente mit Turban des FC Ente Bagdad als kleines Zeichen der Dankbarkeit. Nachdem er die Ausstellung für eröffnet erklärt hatte hielt es das Publikum nicht mehr auf seinen Sitzen. Die Menschen schwärmten aus, um sich die Ausstellung näher zu betrachten, und um Anett Dremel in weiter führende Gespräche zu verwickeln.
Nach insgesamt etwa zwei Stunden leerte sich das Haus des Erinnerns sukzessive. Nun konnte der entspannte Teil des Abends in einem nahe gelegenen griechischen Restaurant beginnen, in dessen Verlauf der Abend diskursiv nachentlastet, allerdings auch leichtere Themen diskutiert wurden.
Es war ein würdiger Auftakt mit einem wichtigen Thema. Die Ausstellung selbst wird bis zum 2. Februar montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr im Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz zu sehen sein.
Wir bedanken uns bei allen, die an diesem Abend dabei waren und laden herzlich zu den weiteren Veranstaltungen im Rahmen der Mainzer Erinnerungswochen 2024 ein.
You’ll never watschel alone!
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