Wir haben es geschafft

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Fünf Jahre Engagement für jugendliche Geflüchtete

(Mainz – eig. Bericht) „Wir schaffen das“ meinte die Bundeskanzlerin zuversichtlich, als im Rahmen einer großen Einreisewelle viele Geflüchtete aus den Krisengebieten dieser Welt, insbesondere aus dem Vorderen Orient, nach Deutschland und Europa kamen. Mit ihrer Aussage meinte Angela Merkel, dass die Bundesrepublik gut dafür aufgestellt sei, diesen Menschen, die alles außer ihrem Leben und ihrer Hoffnung verloren hatten, ein neues Zuhause bieten zu können.

So groß die Hilfsbereitschaft vieler Deutscher am Anfang auch war, so erhob sich doch auch immer mehr Kritik an der Aufnahme der „Fremden“, gemischt mit Unzufriedenheit in anderen Belangen. Der Wutbürger war geboren, und mit ihm etablierten sich politische Bewegungen und Parteien am äußersten rechten Rand, die diese Welle für sich nutzten, Stimmung machten und unsere Demokratie auf eine harte Probe stellten und immer noch stellen. Aus Ablehnung wurde Hass, aus „Ausländer raus“-Märschen wurden Brandanschläge; die Menschen, die ihr Leben und teilweise ihre Familie nach Deutschland gerettet hatten wähnten sich plötzlich wieder am Anfang ihrer Flucht.

Glücklicherweise ist das die Minderheit, leider eine sehr laute. Aber es gab und gibt Menschen, Vereine, Organisationen, die davon nichts wissen wollen und die alles daran setzen, diesen neuen Mitbürgern ein Willkommen zu bieten und sie bei der Integration in eine neue Kultur und eine neue Sprache zu unterstützen. Der FC Ente Bagdad war schon sehr früh Teil dieser Runde und ging bereits im Jahr 2014 proaktiv in die Einrichtungen, in denen seinerzeit zumeist Erwachsene mit ihren Familien untergebracht waren, um Hilfe und Abwechslung im Alltag anzubieten.

Im Folgejahr 2015 ging es dann so richtig los, denn jetzt kamen tausende meist unbegleitete jugendliche Flüchtlinge nach Deutschland und damit auch nach Mainz. Selbstverständlich hatten diese kaum Sprachkenntnisse, waren durch die Erlebnisse auf ihrer Flucht und die Trennung von Zuhause traumatisiert. Ihre Bleibeperspektive war unsicher, ihnen fehlten soziale Bindungen, die Stadt, das Land, die Sprache, die Kultur – alles war fremd und unbekannt. Hinzu kam die Einsamkeit, zu der sie in ihren Unterbringungen verdammt waren, weil sie anfangs weder zur Schule noch arbeiten gehen durften. Insbesondere für die jungen Menschen im Alter von 13, 14, 15 Jahren gab es weder Spaß noch Ablenkung, entsprechend selten war ein Lächeln oder Lachen auf ihrem Gesicht zu sehen. Stattdessen flackerten oft Angst und Unsicherheit in ihren Augen, sie fühlten sich entwurzelt und ein bisschen verloren.

Diesen Jugendlichen machten die Enten ein Angebot, das zunächst zögerlich, dann aber mit großer Begeisterung angenommen wurde: Fußball spielen, Spaß haben, Anschluss finden – wenn auch zunächst nur für ein paar Stunden pro Woche. Dieses niedrigschwellige Angebot (jeder, der kam – leider kamen so gut wie keine Mädchen –, durfte mitmachen) mündete schnell in eine Art von Hilfe in allen Lebenslagen, z.B. in Begleitung bei Behörden-, Anwalts- und Arztbesuchen.

Darüber hinaus veranstalteten wir Begegnungsfeste, denn wir hatten es ja mit vielen verschiedenen Nationalitäten, Kulturen, Religionen und Sprachen zu tun. Es folgten Ausflüge, Stadtführungen, Schwimmkurse, Deutschkurse usw., die wir organisierten, um den Jugendlichen die Integration zu erleichtern und ihnen ein Gefühl für das Funktionieren der deutschen Gesellschaft zu geben. Während ihrer Zeit in der Schule brauchten einige Nachhilfe, die wir arrangierten. Mittlerweile veranstalten wir Kurse zur Berufsvorbereitung, vermitteln Praktika, Ausbildungsplätze, Wohnungen, Einrichtungsgegenstände und vieles mehr.

All das lief natürlich nicht immer glatt und reibungslos ab. Zunächst waren wir schon Anfang 2015 gezwungen, die Anzahl der hauptsächlich Handelnden von zwei auf eine fünfköpfige ehrenamtliche „Enten-Taskforce“ aufzustocken, innerhalb derer die zahlreichen Aufgaben verteilt wurden. Wir hatten anfangs auch große Schwierigkeiten, ein regelmäßiges Fußballangebot schaffen zu können, denn es fehlten uns neben den notwendigen Platzzeiten auch Trainer, Fahrer und Unterstützer, die bereit waren, unbezahlt Hilfe zu leisten. Wofür Fahrer? –Während die deutschen kickenden Jugendlichen zumeist von ihren Eltern zu den Spielen gefahren werden ist das im Falle von Geflüchteten nachgerade unmöglich – in Ermangelung der Eltern vor Ort, eines deutschen Führerscheins oder gar Fahrzeuges. Falls ein Auswärtsspiel mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein sollte (was nicht immer der Fall ist) kosten die Fahrkarten für Spieler und Betreuer schnell mal mehr als 100 Euro, die wir einfach nicht hatten. Also fuhren drei bis vier Enten die Jungs mit ihren Privatfahrzeugen hin und zurück.

Auch die bürokratischen Hürden waren nicht gerade niedrig, denn es galt, Spielerpässe für die Jugendlichen zu beantragen, damit diese in der Liga angemeldet werden konnten und spielen durften. Wochenlange Wartezeiten wegen verpflichtender Anfragen nach Vereinszugehörigkeit in deren Heimatländern waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Darüber hinaus machte die angeknackste Psyche sehr vielen unserer Jungs zu schaffen. Da kochten anfangs die Emotionen schon mal sehr schnell hoch, insbesondere bei Fußballspielen, die häufig verloren gingen, was dann zwangsläufig zu einer Flut roter Karten führte.

Die Gegenwart nach fünf Jahren intensiver Arbeit mit den und für die Jugendlichen sieht schon wesentlich rosiger aus. Unsere Spieler haben sich eingelebt, es sind Freundschaften entstanden, auch zwischen Jungs aus unterschiedlichen Herkunftsländern, es gibt keine Sprachprobleme mehr. Einige studieren oder verdienen bereits eigenes Geld, andere machen Praktika oder haben einen Ausbildungsplatz. Die Integration in der und durch die Entenfamilie hat sich auch positiv auf die Charaktere und das Verhalten der Jungs ausgewirkt, was unter anderem daran zu sehen ist, dass es in der letzten Saison nur noch eine einzige rote Karte gab. Stattdessen lobten selbst gegnerische Trainer unsere Mannschaft für ihre Fairness und Disziplin.

Auch fußballerisch hat sich die A-Jugend enorm entwickelt. In der vergangenen Saison wurden die ersten Spiele gewonnen, und wenn man verlor war es zumindest nicht mehr zweistellig.

Die angebotene Unterstützung und Teilhabe an den Entenaktivitäten hat bei den Spielern sogar dazu geführt, dass diese zu wichtigen Säulen innerhalb des Vereins herangereift sind. Sie übernehmen Verantwortung und entscheiden mit, einigen haben wir sogar eine Trainer- bzw. Schiedsrichter-Ausbildung ermöglichen können. Der gesamte Verein hat von der gelungenen Integration profitiert.

In Anlehnung an Frau Merkels Motto „Wir schaffen das“ kann der FC Ente Bagdad heute sagen: „Wir haben es geschafft“. Insgesamt weit über 150 erwachsenen und jugendlichen Geflüchteten haben wir bis heute dabei geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen und sich ein neues Leben aufzubauen. Das ist ein schönes Zwischenfazit nach 47 Jahren Weltoffenheit, vielen Jahren Integrationsarbeit und fünf Jahren „Willkommen im Fußball“. Dazu berichten auch SWR 1 in einem Radiointerview (©SWR 1) sowie das SWR-Fernsehen in seiner Landesschau (©SWR Fernsehen).

Die Jungs können stolz darauf sein, was sie alles geschafft haben und wir freuen uns mit ihnen, dass sie es so weit gebracht haben. Panta rhei – Alles fließt (Heraklit): Damit sind wir nicht am Ende angekommen, vielmehr wird es in Zukunft und sicher in abgewandelter Form weitergehen. Getreu unserem Motto:

You’ll never watschel alone!

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