Wie Flüchtlinge Deutschland erleben
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60-seitige Sonderbeilage im Handelsblatt
Im Rahmen einer 60-seitigen Sonderbeilage zum Thema „Wie Flüchtlinge Deutschland erleben” berichtete das Handelsblatt unter anderem auch über den FC Ente Bagdad im Allgemeinen und Samir im Besonderen. Hier folgt Diana Fröhlichs Artikel:
„Ich will nicht zuschauen – ich will mitmachen“
Ahmad Samir Sediqi floh mit seiner Familie 2013 aus Afghanistan nach Deutschland. Der 21-Jährige beschreibt, wie ihm der Sport bei der Integration hilft – und warum es ihm wichtig ist, sich im Verein zu engagieren.
Es ist viel los auf dem Sportplatz in Mainz-Bretzenheim an diesem sonnigen Nachmittag Mitte September: Die Mädchenmannschaft wartet auf ihren Trainer, ein paar Männer wollen noch zusammen kicken, im Tor sitzen Jungs aus dem Nachwuchsteam und lachen. Ahmad Samir Sediqi, 21, läuft über den Platz, grüßt hier einen bekannten ‧Spieler, klopft da einem der Trainer auf die Schulter. Er, der Flüchtling aus Afghanistan, ist hier einer von ihnen. Er gehört dazu. Gerade hat er selbst noch trainiert. Mit einer neuen Mannschaft, bestehend aus Flüchtlingen und Deutschen, gefördert von „Willkommen im Fußball“. Das neue Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung knüpft lokale Bündnisse für junge Flüchtlinge und wird von der Bundesliga-Stiftung und der Bundesregierung gefördert. Nach einer Verschnaufpause setzt er sich in die Kabine und erzählt – von der Bedeutung des Sports in seinem neuen Leben.
„Wenn ich Fußball spiele, dann kann ich alles andere für eine Zeit lang vergessen. Ich lache, habe Spaß, bin dankbar für die Abwechslung. Fast jeden Nachmittag bin ich mittlerweile auf dem Platz, trainiere mit meiner Hobbymannschaft, wir heißen FC Ente Bagdad, zusätzlich spiele ich für den Verein Vitesse Mayence. Mein Trainer sagt immer, ich muss aufpassen, dass ich sonntags, wenn wichtige Spiele anstehen, nicht schon zu müde bin vom Training der ganzen Woche.
Aber mir macht es so viel Spaß, hier auf dem Feld zu stehen. Schon in meiner Heimat Afghanistan habe ich viel Sport gemacht, ein paar Jahre lang Fußball gespielt, vor unserer Flucht dann Volleyball. Jeden Tag. Ich finde, Sport ist wichtig, um gesund zu bleiben. Und ich kann dabei viel lernen, vor allem hier. Mein Deutsch ist mittlerweile ganz gut. Ich besuche schon lange Deutschkurse, aber noch mehr gelernt habe ich auf dem Sportplatz.
Ich bin bereits seit Dezember 2013 in Deutschland, zuerst für eine kurze Zeit in Mainz, weil hier mein Onkel seit mehr als 20 Jahren lebt. Dann mussten wir in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Trier, sind aber bald schon wieder nach Mainz zurück.
Ich bin mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern geflüchtet. Unser Leben in Afghanistan war in Gefahr. Mein Vater hat früher, zu Zeiten der sowjetischen Intervention, beim Militär gearbeitet, zuletzt als Taxifahrer. Dann war er in seiner eigenen Heimat nicht mehr erwünscht. Wir sind zu Fuß, manchmal auch mit dem Auto, über Pakistan, Iran, Türkei, Bulgarien, Mazedonien, Serbien und Ungarn geflohen. In Ungarn war es damals noch einfach, im Gegensatz zu heute. Wir sind einfach mit dem Auto über die Grenze. Mehr als vier Monate lang waren wir unterwegs.“
Ahmad Samir Sediqi spricht sehr gut Deutsch. Er redet langsam – und leise, wenn es um die Flucht geht. Dann dreht er den Kopf zur Seite, guckt nach unten. Die Zeit war hart für ihn, das klingt in jedem Wort, in jeder Geste mit. Und, wie groß die Angst vor der ungewissen Zukunft ist.
„Mit den Schleppern, wie ihr Deutschen sie nennt, haben wir Glück gehabt. Sie waren freundlich und haben uns geholfen. Schlechte Erfahrungen haben wir mit ihnen nicht gemacht. Ungefähr 4500 Euro pro Person haben wir insgesamt an sie gezahlt. Unsere Familie besteht aus acht Personen, da kommt eine große Summe zusammen. Doch Freunde erzählen mir, dass die Flucht heute viel teurer ist als noch vor zwei Jahren, bis zu 8000 Euro pro Person sollen sie zahlen.”
„Irgendwann möchte ich zurück“
Heute leben wir im Flüchtlingsheim Zwerchallee in Mainz, wir haben dort zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. Und sind zufrieden. Doch was das Schwerste für mich ist? Nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Darf ich in Mainz bleiben? Oder geht es für mich in eine andere Stadt? Ein anderes Land? Muss ich zurück in meine Heimat? Ich bin schon mehr als eineinhalb Jahre hier, aber entschieden ist noch nichts. Ich muss mich gedulden, rechne damit, noch ein weiteres Jahr zu warten. Und ich werde weiter Deutsch lernen. Denn ich will endlich mein Studium beenden, hier an der Fachhochschule in Mainz. Oder vielleicht auch noch einmal von vorn anfangen. Wer weiß das schon. In Afghanistan habe ich bereits an der Uni studiert. Ich will Maschinenbau-Ingenieur werden. Das ist mein Traum.“
Nur wenn es um Fußball geht, dann blüht der 21-Jährige auf. Dann lacht er, freut sich darüber, was er auf dem Sportplatz in Mainz-Bretzenheim schon alles erlebt hat. Dann wird er laut, spricht schneller – und beendet seine Sätze häufig mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
„Heute muss ich immer lachen, wenn ich an mein erstes Fußballtraining hier denke. Mit Händen und Füßen hat mein Trainer mir die einzelnen Übungen erklärt. Heute verstehe ich alles und kann sogar als Co-Trainer arbeiten. Ich übernehme Verantwortung, will den Jüngeren zeigen, dass es sich lohnt, sich zu engagieren, einfach mitzumachen, für eine bessere Zukunft. Ich bin wie ein großer Bruder für sie. Das gefällt mir.
Es ist so schön, dass sich Deutsche hier freiwillig um uns kümmern, uns Fußballschuhe besorgen, das Training organisieren, und uns bei Spielen betreuen. Ohne die Trainer und meine Mannschaft könnte ich hier in Mainz leben, klar, aber längst nicht so gut.
Menschen wie sie lassen alles andere für eine Weile vergessen. Ich habe ihnen auch schon von einem afghanischen Sprichwort erzählt, das man aber nicht ganz so ernst nehmen darf. Das geht so: „Entweder du triffst den Ball. Oder den Spieler.“ Ich versuche den Jüngeren so zu erklären, dass es im Fußball wichtig ist, immer auf den Gegenspieler aufzupassen, ihn zu decken, ihn nicht laufen zu lassen. Denn sonst hat er ja die Chance auf ein Tor. Und wir verlieren. In Sachen Taktik müssen sie noch lernen. Aber das schaffen wir.
Wenn ich über Afghanistan spreche, überkommt mich schon manchmal Heimweh. Ich habe noch Verwandte da, und auch Freunde, die wie Brüder für mich sind. Ich sage immer: Wenn ich genug Kraft hätte, hätte ich mein Land einfach mitgebracht. Doch so leicht ist es leider nicht. Irgendwann möchte ich zurück in meine Stadt, nach Kashlak, sie besuchen, aber nicht für immer. Ich hoffe auf eine sichere Zukunft für mich hier in Deutschland. Die Flucht war schlimm, doch die Situation in Afghanistan war schlimmer.“
Um sich abzulenken, um auf andere, bessere Gedanken zu kommen, wechselt Sediqi schnell wieder zum Fußball. Zu einem Ereignis, an das er sich noch lange erinnern wird:
„Vor einer Woche war ich zum ersten Mal in einem Bundesliga-Stadion. Beim Spiel Mainz 05 gegen Hoffenheim durfte ich Balljunge sein. Es war so cool, live dabei zu sein. Man sieht ganz genau, wie die Profis Fußball spielen. Bei den Heimspielen der Mainzer Mannschaft dürfen immer zwei Jungs aus unserer Hobbymannschaft Balljunge sein. Es ist eine neue Erfahrung, da unten zu stehen und nach oben zu gucken. In die Gesichter von Tausenden Menschen, die laut schreien und ihr Team anfeuern. Das Stadion war voll.
Auch in Afghanistan habe ich mich schon für deutschen Fußball interessiert, manchmal kamen die Spiele sogar im Fernsehen. Ich kannte damals schon Borussia Dortmund, Bayern München und den Hamburger SV. Heute, in Deutschland, habe ich viel weniger Zeit als früher, mich mit der Bundesliga zu beschäftigen. Freitags und samstags habe ich Training, am Sonntag ein Spiel. Darauf konzentriere ich mich.
Ich will nicht zuschauen – ich will mitmachen.“
Die gesamte Beilage ist hier einzusehen. Der Artikel über Samir befindet sich auf den Seiten 40 und 41.
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