Shoa-Überlebende Eva Szepesi: Jeder Einzelne muss etwas tun

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Zentrale Auftaktveranstaltung der !NieWieder-Kampagne 2025 in der MEWA ARENA

(Mainz – Mara Pfeiffer) Seit 2004 erinnert die Initiative „!Nie wieder“ an den Spieltagen um den 27. Januar im Fußball an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Diesmal fand der Auftakt der Kampagne bei Mainz 05 statt. Ausgerichtet vom Verein trug der Abend auch die engagierte Handschrift von Ente Bagdad. In der Arena war das Gefühl greifbar, dass der Termin besondere Wucht hat durch das gesellschaftliche Klima, die bevorstehende Wahl und die Zustimmungswerte der AfD. Diese wurde zunächst aber nicht benannt, lediglich von antidemokratischen Kräften war die Rede.

„Meine Botschaft: erinnern, Ungerechtigkeit entgegentreten. Nicht schweigen. Das ist wichtig.“ Auf diesen Nenner brachte es Eva Szepesi. Die 92-jährige Holocaust-Überlebende hat nach dem Krieg 50 Jahre nicht über ihre Erlebnisse gesprochen, inzwischen tut sie das regelmäßig. Ihre eindrückliche Mahnung: „Die Shoa hat nicht mit Auschwitz begonnen, sondern mit Worten, Wegschauen und mit Schweigen.“ Klaus Schultz hatte in seiner Eröffnung für die „!Nie wieder“-Initiative betont, 80 Jahre nach dem Ende des Krieges müsse sich die Erinnerungskultur wandeln, quasi erneuert werden. Szepesi erzählte daran anknüpfend, Jugendliche sagten ihr, sie würden „die Zeugen der Zeitzeugen“, wenn diese nicht mehr lebten.

Offen sprach die Überlebende von ihrer Sorge, das einst so entschlossene „Nie wieder“ könne dieser Gesellschaft verlorengehen. Mit Fußball, gestand sie, habe sie lange nichts am Hut gehabt, durch den Erinnerungstag habe sie ihn lieben gelernt, auch in der verbindenden Kraft. „Im Fußball kann man so viele Menschen erreichen.“ Zwischen den Redebeiträgen spielten Schüler:innen des Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz in Montabaur mit den „Lebensmelodien“ jüdische Werke aus der Zeit des Holocaust, in denen die Worte von der Bühne intensiv nachwirkten.

Der Historiker Elmar Rettinger verwies darauf, dass man am Geburtstag Walter Bensemanns zusammengekommen ist. Der jüdische Gründer des kicker floh 1933 vor den Nazis. Rettinger erinnerte daran, dass Hitler und die seinen mit demokratischen Mitteln zur Macht gekommen waren und von der Ernennung zum Reichskanzler 1933 bis zu den „Ermächtigungsgesetzen“, mit denen sich Reichstag, Reichsrat und Reichspräsident de facto selbst entmachteten, nur sechs Wochen vergingen. Die Vereine schlossen Jüd:innen alsbald in vorauseilendem Gehorsam aus und zur Aufgabe der Initiative gehört die Frage: Wie wäre das heute?

Mit Eva Szepesi war Serge Salomon auf der Bühne, Enkel von Eugen Salomon, der im Herbst 1905 der zweite Erste Vorsitzende des noch jungen Vorgängervereins von Mainz 05 wurde. Er betonte, in Mainz Freund:innen gefunden zu haben durch die Verbindung und erzählte davon, wie er gelernt habe, dass die Traumata der Ermordeten und Überlebenden von Generation zu Generation übertragen werden und was das auch für ihn persönlich bedeute.

In einer zweiten Podiumsrunde sprachen die ehemalige Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Sportjournalist Felix Tamsut und Luis Engelhardt von Makkabi Deutschland über die Chancen und Herausforderungen im Umgang mit Antisemitismus und anderen antidemokratischen Haltungen im Fußball. Es war Dreyer, die dabei die AfD als Bedrohung endlich benannte: Ihre Klarheit war wohltuend. Es sei, erklärte sie, Methode, Unaussprechliches zu normalisieren. Im Wunsch, laut zu sein gegen Diskriminierung, gegen Faschismus, schlossen die Drei sich Szepesi und allen anderen auf dem Podium an. So war es ein starker Auftakt in diese wichtige Kampagne 2025.

Der FC Ente Bagdad bedankt sich bei der Wortpiratin Mara Pfeiffer für die Erlaubnis, diesen Text als wunderbare Zusammenfassung dieses historischen Abends veröffentlichen zu dürfen.

Der 1. FSV Mainz 05 hat dazu einen Artikel „Plötzlich war alles anders“ auf seiner Webseite sowie eine bewegende Ansprache von Eva Szepesi auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht.

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