„Mainzer Erinnerungswochen“ – Zeitzeugengespräch

(Kommentare: 4)

Bewegender Abend mit Zvi Cohen

Der Erinnerungstag im deutschen Fußball ist für den FC Ente Bagdad traditionell von Bedeutung. Zu Beginn eines neuen Jahres nehmen wir uns der Aufgabe an, etwas gegen das „Vergessen“ zu tun. Nur wer erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen. Gemeinsam mit unseren Partnern, der „!NieWieder“-Initiative, dem 1. FSV Mainz 05 und dem Fanprojekt Mainz e.V. konnten wir daher im Vorfeld des diesjährigen 15. Erinnerungstages am 27. Januar erstmals ein Gespräch mit einem Zeitzeugen ermöglichen.

Zvi Cohen, 88 Jahre alt, Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt, ist nach Mainz gekommen. Im Haus der Erinnerung berichtet er von seinen Erlebnissen in Deutschland, von seiner Jugend in Berlin, seiner Zeit im Dritten Reich und von seiner Flucht in das damalige Palästina. Das Interesse ist sehr groß. Jung und Alt sind gekommen. Die Stühle sind alle belegt, einige Gäste müssen stehen.

Zvi Cohen sitzt vorn und unterstreicht gleich zu Beginn, warum er als Überlebender des Holocaust Zeitzeugengespräche mache: Die Weitergabe des Wissens an die Jugend. Dies stehe über allem; auch wenn er nach wie vor Angst habe, nach Deutschland zu reisen. Sein jüngerer Bruder begleite ihn daher.

Anschließend lässt er die Zuhörer teilhaben an seiner Lebensgeschichte. Er erzählt von seiner Jugend in Berlin, von der gesellschaftlichen Ausgrenzung seiner Familie, dem kalten Hass gegenüber Juden in den 30er und 40er Jahren, den vielen menschlichen Demütigungen. Er selbst habe sich als Kind gar nicht als jüdisch wahrgenommen. Deutschland war seine Heimat, die Heimat der Familie über Generationen. Nun löste sich diese Heimat auf. Aus Angst vor den alltäglichen Anfeindungen verließ ein kleiner Junge irgendwann das Haus nicht mehr.

Dann kommt der Krieg, der Transport ins Konzentrationslager und Worte, die schwer zu ertragen sind. Alte Menschen verzichten auf ihr Essen, damit die Kinder eine Chance haben, zu überleben. Die Gefangenen in Theresienstadt werden wie Tiere gehalten. Toiletten werden bewusst verschlossen, damit Häftlinge in ihren eigenen Exkrementen leben. Zehntausende verhungern.

Diese Worte hinterlassen eine tiefe Leere und die immer wieder bohrenden Fragen: Wie können Menschen anderen Menschen dies antun? Warum konnte das auf deutschem Boden passieren?

Hans Berkessel, der als Leiter der Bildungsstätte das Gespräch moderiert, bittet um eine kurze Pause. Einige Gäste gehen kurz an die Luft, um einmal durchzuatmen.

Gegen Ende des Vortrags geht Zvi Cohen auf den Beginn seines neuen Lebens in Israel ein. Seine Familie hat großes Glück gehabt. Zvi selbst sagt, seine Mundharmonika habe ihn gerettet. Immer wieder konnte er über seine Musik in entscheidenden Momenten an ein wenig Essen kommen oder etwas Nachsicht erhalten. Seine Großeltern sterben zum Ende des Krieges in Theresienstadt. Seine Eltern und er können jedoch Deutschland wie durch ein Wunder über die Schweiz verlassen. 1945 kommt die Familie in der britischen Mandatszone Palästina an, aus der ein paar Jahre später Israel hervorgehen sollte. Alles war neu, die Sprache, das Klima, das Land. Er war endlich frei.

Viele Gäste kommen nach dem Vortrag zu ihm und schütteln seine Hände und bedanken sich für seinen Besuch an diesem kalten Winterabend.

Eine normale Kindheit war Zvi Cohen in seiner alten Heimat Berlin nicht vergönnt. Heute, ganz in der Nähe der Wohnung seiner Eltern im Prenzlauer Berg, gibt es seit ein paar Jahren ein israelisches Restaurant. Die Besitzerin ist aus Israel nach Berlin gekommen, sie fühlt sich wohl in Deutschland. Das Restaurant „Yafo“ ist nach der Altstadt Tel Avivs benannt und eigentlich immer ausgebucht. Die israelische Küche scheint bei den Berlinern anzukommen. Und auch insgesamt ist in den vergangenen Jahren ein von vielen jungen Menschen geknüpftes Freundschaftsband zwischen Deutschland und Israel entstanden.

So sehr der Abend im Haus der Erinnerung bedrückt, so sehr gibt es diese zarten Pflänzchen der Hoffnung. Dass sie auch in Zukunft weiter wachsen können, ist Aufgabe von uns allen.

… 

Das Zeitzeugengespräch ist auch eines der Themen der Enten-News.

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Kommentar von Peter R. |

Das war eine beeindruckende Veranstaltung! Danke nochmal für die Einladung und Eure Bemühungen.

Kommentar von Uli R. |

Das war ein fantastischer Abend! Super gemacht, dass Zvi in diesem Rahmen sprechen konnte!!!

Kommentar von Wurzel |

Tach!
Ich fand die Veranstaltung sehr gelungen! Zum einen die Schlichtheit des Raumes. Auch, daß nicht dazwischen gefragt wurde, war sehr angenehm. Besonders beeindruckend war aber alles, was uns Zvi so erzählt hat. Wie unsere Vorfahren mit Menschen umgegangen sind, die einen anderen Glauben haben, zeigt leider keine Entwicklung seit dem Mittelalter! Da war es auch so: man hat die Juden für jeden Scheiß beschuldigt (u.a. Als Brunnenvergifter in der Zeit der Seuchen). Sie durften nicht in der Stadtmitte sein, stattdessen sich nur im sogenannten Judenviertel aufhalten. In Mainz wurde das Judenviertel an 2 Seiten mit Eisengittern verschlossen! Das Judenviertel befand sich im heutigen Bleichenviertel. Direkt daneben war ein großes Schweinegehege und auf der anderen Seite das sogenannte Siech oder auch Pestilenzhaus! Ďie Nordseite von Mainz. Auch so drückt sich Kälte aus! Auch die Judenfriedhöfe sind nördlich der Stadt verordnet. Im Bereich der Stadttore wurde immer ein jüdischer Grabstein mit eingemauert, um Feinde abzuhalten! Ich habe große Lust, mit ihm ein paar Tage seines Lebens nachzuholen, die er Zuhause sitzen mußte und kein normaler Junge sein durfte! Auf einen Berg steigen oder fischen gehen. Was Jungs halt so machen...!
Shalom Wurzelinho

Kommentar von Clemens H. |

Eine sehr gelungene und vor allem berührende Veranstaltung. Echt klasse - und wichtig - dass man die Möglichkeit hat, so jemanden wie Zvi treffen zu können.