Julius Hirsch Preis – Laudatio auf die Enten

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Würdigung des FC Ente Bagdad von höchster Stelle

(Frankfurt/Main – Eberhard Schulz) 

Laudatio für den 1. Preisträger des Julius Hirsch Preises 2019, den FC Ente Bagdad

Hoch geschätzte, liebe Freundinnen und Freunde aus Mainz, Stuttgart, Osnabrück und Ostritz, lieber Andreas, Martina, Matthias und Julia Hirsch, lieber Zvi, lieber Serge und Christiane Salomon, verehrter Herr Präsident Keller, verehrte Festgäste.

Dass Ronja die leidenschaftliche „Fantaisie“ von Fréderic Chopin spielte, ist kein Zufall. Danke Ronja für Deine Wahl. Die Musik und Deine Kunst, sie uns nahezubringen, hat uns berührt. Nicht nur uns. Auch Robert Schumann empfand sie wie „unter Blumen eingesenkte Kanonen“. Das zaristische Russland wusste um die emotionale Kraft von Chopins Musik. Nach der Besetzung Ostpolens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde seine Musik auf den Index gesetzt. Und auch die deutschen Herrenmenschen fürchteten die Musik Chopins. Sie durfte bei Todesstrafe nicht mehr gespielt werden. In seiner Autobiografie schreibt Marcel Reich-Ranicki über die Konzerte im Warschauer Ghetto: „Wer ihn gespielt hätte, der hätte diesen Tag nicht überlebt.“ Trotzalledem: Illegale Wohnzimmerkonzerte stärkten die Menschen in diesen schrecklichen Jahren.

Was hat das alles mit dem FC, dem Fußballclub Ente Bagdad, dem 1. Preisträger der Julius Hirsch Trophäe 2019, zu tun? Um was geht es da?

Es geht um Freiheit, um Mut und Widerstand, es geht um Demokratie, um Mainz, Deutschland und Europa; es geht um Fußball und Musik, „Music for Goals“ – Musik für Ziele. „Football for Goals“ – Fußball für Ziele.

So wenden wir unsere ganze Aufmerksamkeit mit tief empfundenem Wohlwollen auf die Menschen, die den FC Ente Bagdad erfunden und ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist und schauen, wo und wie sie ihre Goals platziert haben.

Wenn man auf der Enten-Homepage „Über uns“ anklickt, dann erinnert der erste Satz, der dort steht, zumindest mich, an eine wundersame Geburtsgeschichte: „Es war die Zeit … als ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, das alle Welt usw. usw.“

Bei den Enten heißt es so: „Es war die Zeit, als wir noch lange Haare trugen und per Interrail-Ticket die Mädels in ganz Europa aufsuchten.“ Und der folgende Satz hat es ebenfalls in sich: „Wir fühlten uns als Linke, wollten die Welt verändern und lasen die Mao-Bibel und das Kapital, die Werke von Adorno, Sartre, Marcuse und Oswald Kolle.“

Diese Jungs liebten Cream, Jimmy Hendrix, die Doors, die Rolling Stones, Bob Dylan und Cat Stevens. Sie liebten den deutschen Fußball, der Anfang der 70iger Jahre mit seinen Künstlern wie dem Maier Sepp, dem Kaiser, Günther Netzer, Wolfgang Overath, Gerd Müller, Jupp Heynckes und den Frankfurtern Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein den ästhetisch schönsten Fußball zelebrierten, den man sich denken konnte. So ist es unter „Über uns“ zu lesen.

Namensfindung. Ein Fußballteam zu gründen, das intellektuell und aus Lust am „Spiel aller Spiele“ die Mainzer Thekenliga dominieren wollte, war logisch und entsprach der Leichtigkeit ihres Seins. Man wollte nicht Germania Holzbude, Alligator Gonsenheim, Satan Kreuzstraße oder Barfuß Bethlehem heißen. Man entschied sich für Ente Bagdad.

Diese Prägung, diese Meenzer Lust am vollen Leben, die Lust am Wein, die Liebe zum Fußball, war der Treibstoff der Enten. Die Erkenntnis, die verstandenen Lektionen der großen europäischen Denker in die eigene und in die gesellschaftliche Realität zu übertragen und damit erfolgreich Goals zu schießen, das wurde zum Markenkern des Julius Hirsch Preisträgers von 2019.

Einige dieser Goals stelle ich der verehrten Festgesellschaft vor. Diese haben die Entscheidung der Jury maßgeblich beeinflusst.

Goal number One: Noch bevor die geflüchteten Menschen aus den Kriegs- und Hungergebieten vor unseren Türen standen, hat die Entenfamilie Fußballpatenschaften für Geflüchtete in Mainz übernommen. Ca. 50 von ihnen konnten in einem organisierten Spielbetrieb den Ball mit Lust über das Spielfeld treiben. Die Gründung eines Teams mit Einheimischen und „Zuagroasten“ war die nächste Etappe.

Und eins kam zum anderen: Stadtführungen in den Sprachen der Geflüchteten, der Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, lernen aus der Geschichte unter Einbeziehung der Verfolgungsgeschichten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Organisation von Deutschkursen folgte, und und und. Alle Aktivitäten wurden und werden durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert.

Goal number Two: Wir wissen, eine entschiedene Gruppe kann Berge versetzen. Dass der „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ in Mainz beispielhaft im Stadion und mit thematischen Veranstaltungen in der Stadt gestaltet wird, das hat etwas mit den Enten zu tun. Sie brachten alle aus der Mainzer Fußballfamilie an den Tisch, und das ist keine leichte Sache: Die Ultras, die Vereinsführung von Mainz 05, das Fanprojekt und sich selbst mit ihren Geflüchteten. 2020 sprechen am Spieltag um den 27. Januar die Präsidenten der 05er und des FC Bayern zu den Fans aus beiden Vereinen. Es geht um die schändliche Ausgrenzung und Ermordung der deutschen und europäischen Sinti und Roma durch Nazideutschland. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, wird als Dritter im Bunde sich an die Fans wenden. Dieses Mainzer Modell steht beispielhaft für die klugen und kreativen Einmischungen und Aktionen zum Erinnerungstag im deutschen Fußball. Wenn ich in die Festgesellschaft hineinschaue, sind mindestens die Hälfte der Anwesenden in diese Angelegenheit verwickelt. Das alles ist in Mainz eingebettet in „Wochen der Erinnerung“ mit Zeitzeugengesprächen, Filmen, der Ausstellung „Abseits im eigenen Land – Sinti und Roma Sportler“ und einem integrativen Fußballturnier.

Es ist in diesem Zusammenhang wunderbar und ein Geschenk, dass Serge Salomon, seine Frau und sein Sohn seit einigen Jahren zur Entenfamilie gehören. Serge ist der Enkel des jüdischen Präsidenten von Mainz 05, Eugen Salomon. Sein Großvater wurde in Auschwitz ermordet. Es ist uns allen eine große Freude, dass Ihr heute hier seid, Du, lieber Serge, und Du, liebe Christiane!

Alle aus der Fußballfamilie, die sich den Goals eines „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Dachau“ verpflichtet fühlen, wissen, wir haben Zugang zu einem wunderbaren Schatz. Es sind die mit uns verbundenen Zeitzeugen*innen der ersten, zweiten und dritten Generation. Sie lehren uns, wach und mutig zu sein, damit Auschwitz nie wieder geschehe. Dass sie mit Hasstiraden und Morddrohungen zum Schweigen gebracht werden sollen, ist ein unerträglicher Zustand. Aktuell wird die 89jährige Mailänderin und Shoahüberlebende, Liliana Segre, mit Hassbotschaften und Morddrohungen verfolgt. Sie spricht seit Jahrzehnten zu der jungen Generation Italiens. Ihre Verächter wollen sie mundtot machen. So läuft das nicht. Diese geschichtsvergessenden aggressiven Bedroher, sie müssen mit unserem Widerstand rechnen.

Goal number Three: Aktionsfreundschaften mit Makkabi Deutschland und der Faninitiative von Schalke 04, Julius Hirsch Preisträger 2018. Das Kippa-Spiel – wird im Film gezeigt. Konzipierung und Leitung eines Workshops auf der 2. Frankfurter Versammlung im Januar 2019 zusammen mit dem TSV Kücknitz. Thema: „Der Erinnerungstag im Fußball – Hürden, Lösungsansätze und Zukunftsvisionen.“

Goal number Four: Die Internationalität, die Reisen und die Spiele u. a. in Bolivien und Israel und die Freundschaft mit Zvi Cohen. Die Spiele im Kibbuz Ma‘abarot und gegen die halbe Altnationalmannschaft der Israelis bei Maccabi Haifa. Was sind das für Geschichten! Dazu mehr im Film.

Liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Festgäste, der FC Ente Bagdad, dieser Wahnsinnsverein, der seine Spuren durch ein halbes Jahrhundert gezogen hat, fast!, hat in diesen Jahren unzählbar vielen Menschen etwas Großartiges geschenkt: Mitfühlende Humanität, Aufklärung im Sinne von politischer Bildung und der Aufforderung, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen, Horizonterweiterung im Sinne von Völkerverständigung durch die berühmten Reisen in die Herkunftsländer der „Enten-Mitglieder“, die Stiftung von Beziehungen zu den Freunden von Makkabi, beispielhaftes und beispielgebendes Eintreten für geflüchtete Menschen in Mainz, powervoller und kreativer Einsatz gegen das Vergessen/Verdrängen der schmerzvollen, erschütternden, monströsen Geschehnisse der Nazizeit in Fußball und Gesellschaft, im Sinne einer „Erziehung nach Auschwitz“, wie es Theodor Adorno postuliert hat.

Das alles habt Ihr mit großer Leidenschaft, Verlässlichkeit, Klugheit und mit großem Herzen den Mainzern, den Geflüchteten, der Fußballfamilie und der„! Nie wieder-Mischpoke“ geschenkt.

Was für eine großartige Bilanz! Ihr Menschen vom FC Ente Bagdad habt das auf den Weg gebracht mit Eurer Begeisterung für das Spiel der Spiele, den Fußball, und das darf nicht vergessen werden, mit Eurer Mainzer Lebensart, zu der der Wein gehört wie der Ball zum Spiel.

Es ist Glück und Inspiration, dass die Entenfamilie nicht alleine watschelt.

Die 99 Bewerber des Julius Hirsch Preises 2019, die Toten Hosen, der DFB und die überwältigende Mehrheit der Festgäste ebenfalls gehen mit. Und so halten wir Fußball- und Demokratieliebhaber*innen mit unserem Gewicht die aus den Fugen geratene Gesellschaft einigermaßen in der Balance.

Den „nicht gerne allein watschelnden Enten aus Mainz-Bagdad“ sei Glück gewünscht. Es sei ihnen gewünscht, dass sie niemals die Gewissheit und die Zuversicht verlieren, dass ihre Vision, ihre Goals von einer Gesellschaft siegt, in der jeder Mensch in seiner Würde geschützt und in seinem Anderssein akzeptiert und wertgeschätzt ist.

Moltissimo grazie! dem Julius Hirsch Preisträger 2019, dem FC Ente Bagdad!

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