Enten in La Paz verhaftet

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Nur knapp entgehen zwei Enten dem Gefängnis und der Abschiebung wegen Alkoholgenusses in einem Park und Erregung öffentlichen Ärgernisses

Selfie mit Dosenbier – Sekunden vor der Verhaftung

Der letzte Tag vor der Abreise aus Bolivien hielt für zwei Enten noch ein echtes Abenteuer bereit. „Zur freien Verfügung” hatte es geheißen, was so viel bedeutet wie: Macht euch euer Programm gefälligst selber. Also stob das Mainzer Federvieh nach dem morgendlichen Frühstück im Hotel in alle Himmelsrichtungen auseinander, um noch letzte Souvenirs einzukaufen, letzte Ecken der Stadt zu erkunden – was man eben so macht an einem letzten Reisetag.

Katharina K. und Stefan S. hatten beschlossen, gemeinsam den schwarzen und den Hexenmarkt zu durchstöbern und vielleicht auch noch eine Fahrt mit den grünen Eiern (Seilbahn mit grünen Kabinen) dranzuhängen. Gesagt, getan – die Märkte konnten kommen. Ein paar Stunden, viele Kilometer Fußmarsch und viele tausend grellbunte Eindrücke später beschlossen die beiden, sich die Fahrt mit den Eiern zu schenken und stattdessen zum Killi Killi hinaufzusteigen, einem Aussichtspunkt hoch über der Stadt, von Matthias und Anne D. als absolutes Muss wärmstens empfohlen. Letztere, als die Gemsen unter den Enten bekannt, waren in Rekordzeit dort hinaufgaloppiert und hatten eindrucksvoll die tolle 360° Aussicht über die Stadt beschrieben. Das wollten sich K. und S. zum Abschluss dann doch noch einmal geben.

Wie es in der Natur eines Aussichtspunktes liegt, bietet dieser deshalb so viel davon, weil er in der Regel auf einer Anhöhe, das heißt über dem eigentlich zu betrachtenden Objekt, zu finden ist. Das ist auch im Fall des Killi Killi so, weshalb die beiden Protagonisten schwitzend und schnaufend – weil keine Gemsen – die gefühlten tausend Meter Höhenunterschied (in Wahrheit eher zweihundert, also von 3.600 auf 3.800 m und sehr steil) zwischen der Innenstadt von La Paz und dem Aussichtspunkt zu überwinden hatten. Unterwegs kam man noch auf die glorreiche Idee, in Anlehnung an das Parkbier*) am Ziel ein Aussichtsbier zu genießen.

Zwei kühle Dosen Paceña im Gepäck erreichten die beiden nach eineinhalb Stunden Aufstieg den Killi Killi mit seinem kleinen Park und der grandiosen Aussicht über ganz La Paz, ließen sich auf eine Bank mit Blick fallen und verschnauften zunächst für ein paar Minuten. Das frische Cerveza im Rucksack hatte man sich nun wirklich redlich verdient. Also raus damit, die Dosen aufgerissen, angestoßen und ein paar erfrischende Schlucke genommen. Ein Selfie war nach der Strapaze Pflicht, sowie Katharina und Stefan guter Dinge – bis sie das Selfie-Smartphone herunternahmen und dahinter zwei bewaffnete Polizisten entdeckten.

Was man hier mache, woher man komme und ob man nicht wisse, dass Alkohol auf öffentlichen Plätzen strikt verboten sei, waren die Art Fragen, die in schwer verständlichem Spanisch auf die beiden einprasselten. „Oh Gott, was ist denn nun los?” war in großen Lettern auf Katharinas und Stefans Gesicht geschrieben. Ob man denn Papiere dabei habe, diese müssten kontrolliert werden, und überhaupt: Folgen Sie uns erst mal zur Wache.

Diese entpuppte sich als enges Kabuff neben dem Parkeingang. Immerhin war es angenehm kühl darin. Also Pässe raus – „Ach, Sie haben keinen Ausweis dabei, gnä’ Frau? Oh oh, großes Problem! Wir müssen nämlich die Ausweise mit Interpol abgleichen. Könnte ja sein, dass gegen Sie etwas vorliegt. Haben Sie vielleicht eine Fotokopie Ihres Passes? Ja ja, ein Foto geht auch. Gut, dann notieren wir erst mal Ihre Namen” – über Katharinas drei Vornamen kam der Beamte letztendlich nicht hinaus – „und die Passnummern. Interpol, Sie verstehen! Sind die Herrschaften wenigstens verheiratet? –Nicht? Nur befreundet? Oh oh, großes Problem!”

So ging es noch eine Weile weiter, mit allen sprachlichen Hürden gespickt auf Spanisch und mit Händen und Füßen. Die Beamten fanden die verblichene Fotokopie eines Gesetzestextes, in dem unter Paragraph 19 aufgelistet war, was alles im Zusammenhang mit Alkohol und öffentlichen Plätzen unter Strafe steht, was unter Alkohol und öffentlichen Plätzen zu verstehen ist, usw. Wer je einmal in seinem Leben mit Behörden zu tun gehabt hat, kennt diese Sorte von Texten. Ein paar Seiten weiter hinten waren dann die Strafen aufgeführt, die man in Aussicht gestellt bekam. Im vorliegenden Präzedenzfall (Alkoholgenuss im öffentlichen Park + unverheiratet = öffentliches Ärgernis) drohten den dummen Touristen acht Stunden Arrest plus anschließende Ausweisung aus dem Land.

Man werde sowieso am nächsten Tag ausreisen, brachten Katharina und Stefan hervor. „Ach, interessant. Haben Sie vielleicht Ihre Flugtickets dabei?” –„Nein, aber den Flugplan können wir Ihnen zeigen, den habe ich hier auf meinem Telefon gespeichert. Bitte sehr.” „Aha, soso, jaja” – Flugnummer und -zeit notiert (alles übrigens auf einem kleinen abgegriffenen Block – Interpol, Sie verstehen!). „Auch das müssen wir überprüfen. Mit Ihrem Smartphone können Sie übrigens im Internet die Richtigkeit unserer Angaben überprüfen, auf der Seite der bolivianischen Regierung”, bot man den beiden noch an. Auch, das Verhör in eine größere Polizeistation im Zentrum zu verlegen. Vielleicht sei ihnen das ja lieber.

„Nein, nein, wir können gern hier mit Ihnen weiterreden. Aber sagen Sie uns doch bitte, mit welcher Strafe wir zu rechnen haben. Gibt es die Möglichkeit einer Geldstrafe, ohne Arrest und Ausweisung, weil wir ja morgen sowieso das Land verlassen?” –„Oh oh, großes Problem! Aber wir wollen mal sehen, was wir tun können. Wissen Sie, wir sind ja auch nur zwei kleine Polizisten, machen unsere Arbeit so gut wir können, und Ihr Fall wäre vielleicht auf einer anderen Polizeiwache besser aufgehoben.” –„Ja ja, das verstehen wir. Wir wollen Ihnen auch keine großen Scherereien bereiten, mit Interpol und so. Alles wegen einer Dose Bier, na ja!”

„Da haben Sie wohl Recht. Vielleicht hätten wir sogar eine Lösung. Zwar ungewöhnlich und unbürokratisch, aber immerhin eine Lösung.” „Ja gut, was können wir tun?” „Wissen Sie”, der Beamte kramte eine sichtlich mitgenommene Medikamentenkiste aus seinem Schrank, „wir haben hier auch dafür zu sorgen, dass es den Touristen, die zum Killi Killi kommen, gut geht. Und bei der Höhe, naja, Sie wissen schon, kann es immer mal zu Problemen kommen.” –„Oh ja, das können wir bestätigen.” „Nun haben wir diese Medikamentenkiste für Notfälle – aber sehen Sie selbst.” Er klappte den Deckel nach oben und zeigte den Inhalt seines Notfallkoffers, der im Wesentlichen aus Zetteln bestand, welche Medikamente in welches Fach einzusortieren seien, so sie vorhanden wären. Waren sie aber nicht.

„Ohne die Medikamente können wir unserer Aufgabe, den Touristen hier oben zu Hilfe zu eilen, nicht nachkommen. Sie verstehen.” „Ja natürlich, ohne Medikamente ist das schwierig.” –„Genau. Aber wie Sie sehen, haben wir keine.” „Ja, das sehen wir. Eigentlich gar keine.” „Richtig. Und ohne können wir Touristen wie Ihnen nicht helfen.” „Klar.” „Also bestünde eventuell die Möglichkeit, dass Sie uns anstelle einer Gefängnisstrafe diesen Notfallkoffer mit Medikameneten bestücken, haben wir gedacht. Für die Touristen, Sie verstehen.” „Oh, das wäre natürlich eine gute Sache. Zumal sie für andere Menschen in Not ist. Das würden wir gern tun. Welche Medikamente brauchen Sie denn?” „Hmm, das ist nicht so einfach. Das wissen wir ehrlich gesagt auch nicht. Wir sind ja einfache Polizisten und keine Ärzte.” „Tja, können Sie uns denn vielleicht eine Liste der Medikamente geben, sonst machen wir vielleicht etwas falsch.” „Eine Liste! Tja …”.

Der zweite Polizist zog wie von Geisterhand aus einem Aktenschrank eine handgeschriebene Liste mit Medikamentennamen hervor. Diese habe er mal irgendwann notiert, sagte er, und die Preise der Arzneien stünden auch dabei. Glücklicherweise hatte ein vorausschauender Kollege auf der Rückseite dieses Zettels auch schon die Gesamtsumme von 188 Bolivianos (Kurs zum Verhaftungszeitpunkt: 1 € = 7,50 B.), sodass Katharina und Stefan sofort im Bilde waren über die Höhe dieser Sonderausgabe. „Na gut, dann geben Sie uns doch bitte diesen Zettel und wir gehen zur nächsten Apotheke und kaufen die Medikamente für Sie.” „Oh oh, großes Problem! Die Apotheke hier oben hat geschlossen. Da müssten Sie schon ganz hinunter ins Stadtzentrum, und später wieder hinauf. Aber wenn Sie das wollen, können Sie das natürlich gern tun.” „Wie wäre es denn, wenn wir Ihnen beiden das Geld für die Medikamente hier lassen”, Stefan zückte zwei Hunderter und legte sie auf den Tisch, „um die Medikamente zu kaufen, wenn die Apotheke wieder geöffnet ist? Wäre das möglich? Immerhin ist das ja mit einigem Umstand für Sie verbunden.” Ja, das würden sie gern tun, beteuerten die beiden Beamten. Schließlich sei es ja für die Touristen, von denen man sowieso zu wenige habe in Bolivien. Und sie wollten ihre Arbeit hier gründlich und gewissenhaft ausüben, auch wenn sie nur kleine Polizisten seien.

„Dann dürfen wir uns ganz herzlich für Ihr Entgegenkommen bedanken”, beeilten sich Katharina und Stefan, den beiden Polizisten zu beteuern. –„Und wir dürfen uns bei Ihnen für die gute Zusammenarbeit bedanken”, entgegneten die Beamten. „Immerhin kommt es ja der Sicherheit und der Versorgung der Touristen im Killi Killi-Park zugute.” Händeschütteln und nochmaliger Dank für die gute Zusammenarbeit wurden gefolgt von einer letzten Bitte seitens der beiden Polizeibeamten: „Wenn Sie so freundlich wären und über diese Sache Stillschweigen wahren würden, wären wir Ihnen sehr verbunden. Wissen Sie, es ist nicht einfach, eine solche Lösung zu finden, die ja auch zugegebenermaßen sehr unbürokratisch ist. Und wenn wir das so unter uns erledigen können, wäre allen Seiten gedient. Interpol, Sie verstehen!”

So konnten zwei Enten nach etwa einer Stunde unter tatkräftiger Mithilfe zweier sehr aufgeschlossener Parkpolizisten eine diplomatische Krise zwischen Bolivien und Deutschland sowie die Einschaltung des Fahndungsapparates von Interpol wirksam verhindern und sogar noch eine gute Tat für zukünftige Touristen im Killi Killi-Park tun.

 

*) Parkbier: Innerhalb zweier Tage von Katharina, Tobias und Stefan zur Tradition gemachte Gerstenkaltschale. Wurde täglich als Apéritif im San Pedro-Park nahe dem Hotel und neben dem Knast genossen und schmeckte immer herrlich nach einem anstrengenden Tag.

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Kommentar von Heiko |

Schöne Geschichte. Jetzt ist die Medikamentenkiste wieder voll!

Antwort von Le Maître

Soviel ist sicher!

Kommentar von Ronald |

Geile Geschichte einer super geilen Reise. Freue mich bereits auf weitere Berichte von Lama Stephan und Condor Klaus. Adios Ronald

Kommentar von Rita |

wieder einmal eine typische Enten Geschichte. Wird sicherlich vom Weihnachtsmann "abgesegnet"
Freue mich schon auf weiter lustige Begebenheiten.

Kommentar von Eva |

das ist wirklich eine tolle Geschichte, dank eures Vergehens, sollten die Touristen in naher Zukunft am Killi Killi ja gut versorgt sein!

Kommentar von Joseph |

Gibt es Paceña eigentlich irgendwo in Mainz zu kaufen? Das war gar nicht schlecht.. Oder sollen wir gemeinsam mal eine Kiste aus Bolivien importieren? ;-)

Antwort von Le Maître

Wenn du „Cerveza Paceña” in deiner Suchmaschine eingibst, findest du jede Menge Bezugsquellen. Allerdings ausschließlich im Internet, meines Wissens keine im Rhein-Main-Gebiet.