Enten in Graz

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Das Entenpublikum gut gelaunt am Spielfeldrand während des Benefizspieles

Enten kennen keine Müdigkeit

Grandioses Wochenende in der Steiermark

Samstag morgen, fast noch mitten in der Nacht. Eine Stadt am Rhein; Landeshauptstadt und Karnevalshochburg seit langem, und auch Erst-Liga-Stadt, seit kurzem. Ronald U. greift in den Schuhschrank, greift die Fußballschuhe, legt sie wieder zurück. Sein Innenbandabriss ist noch nicht verheilt. Er wird die Reise ohne sie antreten müssen. Auch seine Familie wird er zurücklassen. Seit Wochen hat er auf diesen Tag hingearbeitet, telefoniert, gefaxt, gemailt. Jetzt kann er nicht mehr viel machen. Er macht sich auf den Weg zum Flughafen.

Die gleiche Stadt, schon Stunden zuvor. Angelo O. greift in den Schuhschrank, greift die Fußballschuhe, versteckt sie heimlich ganz unten in der Reisetasche. Auch er hat sich seit Wochen auf die Reise gefreut; jetzt droht ihm seine Handverletzung einen Strich durch die Rechnung zu machen. „Wie erkläre ich meiner Frau, dass ich spielen will?“ Wirre Gedanken schwirren durch seinen Kopf. Es klingelt an der Tür. Abfahrt. Die Autobahn wartet; Richtung Osten, Richtung Österreich.

Eine andere Stadt, viele Stunden später. Jens N. wartet am Grazer Hauptbahnhof auf ein paar Freunde aus Mainz. Sie werden kommen, um mit ihm seinen 50. Geburtstag nachzufeiern. „Ein paar Freunde nur“, denkt er. Verwirrt und sprachlos sieht er ein Taxi vorfahren – die Insassen: vier Rheinhessen. Kurz danach folgt ein zweites. Fünf weitere Mainzer haben Graz erreicht. Jens’ Sprachlosigkeit nimmt zu. Er hat offensichtlich wirklich nicht gemerkt, wie seine Frau Izabella und Ronald in den letzten Wochen an einem Rahmenprogramm zum Geburtstag gebastelt haben.

Seine Verwirrung steigt weiter, als in der Grazer Innenstadt noch mehr Mainzer eintreffen. Die Sprachlosigkeit auch. Noch bevor die Sonne hinter den Alpen untergeht sind 25 Rheinhessen in der Heimatstadt von Arnold Schwarzenegger eingeflogen. Enten allesamt, Fußballer der traditionsreichen Mainzer Hobbykicker von Ente Bagdad, inklusive „Anhang“. Doch die Sprachlosigkeit lässt sich noch weiter steigern.

Stunden später, in Kumberg am See. Die Gemütlichkeit strebt ihrem Höhepunkt zu, bei Backhendl und Calamaris, Pfiff und Krügerl. Jens ist zu Tränen gerührt. Immer mehr Gäste kommen. Ronald überreicht die Geschenk-Schatztruhe; ein feuchter Glanz tritt in die Augen von Jens. Die Truhe hat es in sich: Aufstiegs-T-Shirt von Mainz 05, CD der Aufstiegsparty, und als Highlight ein Zuschuss für die nächste Enten-Reise, die im Herbst nach Syrien und in den Libanon führen wird. Nun verschlägt es ihm vollends die Sprache. 

Ein Tag später. Muntere Enten machen sich auf den Weg ins benachbarte Weinitzen. Coach Ronald hatte am Samstag penibel darauf geachtet, dass die Kicker rechtzeitig ihre Bettruhe bekommen, und extra als letzter das Lokal verlassen. Zahlreiche Zuschauer warten schon im Stadion, schließlich geht es um einen guten Zweck. Der 12jährige Klaus, Jugendspieler in Weinitzen, ist an Krebs erkrankt, die Einnahmen des Spiels und der Aktionen rund um das Match sollen der Familie helfen, die Krankheit besser zu bewältigen. Große Freude bei allen Beteiligten, dass rund 500 Fans den Weg nach Weinitzen gefunden haben. Natürlich wartet auch der Gegner der Enten: eine Bezirksauswahl aus Weinitzen. 

Trotz größter Konzentration und sehr defensiver Grundausrichtung lässt sich die Enten-Elf gleich zu Spielbeginn fast übertölpeln. Wahrscheinlich sind alle noch beeindruckt, dass sie beim Einlaufen in die Arena namentlich vorgestellt wurden. Allein die glänzende Reaktion von Richard im Enten-Tor verhindert einen frühen Rückstand. Erst langsam bekommen die Enten das Spiel besser in den Griff: Die Abwehr um die Innenverteidiger Steffen und Diedele sowie die Außen Eric und Tobias lässt die Gegner in der Folge nur selten zur Entfaltung kommen. Das Mittelfeld um Werner, Victor, Jens und Christian präsentiert sich einsatzfreudig und versucht immer wieder, die beiden Spitzen Gerwin und Frank in Szene zu setzen.

Es entwickelt sich ein rasanter Schlagabtausch mit Chancen auf beiden Seiten. Die weitaus größeren Möglichkeiten haben die Enten. Doch beiden Stürmern versagen – allein stehend vor dem gegnerischen Tor - die Nerven; die Gelegenheiten lösen sich in den Armen des Weinitzer Keepers in Luft auf. Auf der Gegenseite vereitelt Richard immer wieder gute Chancen der Österreicher. So sind es schließlich aussichtsreiche Freistoßsituationen am Rande des Weinitzer Strafraums, die für Gefahr sorgen – sorgen könnten, wenn denn zunächst Werner, später Christian und Gerwin nicht mit Penetranz in die zweite Etage zielen würden. Als der Fifa-Referee zum Pausenbier pfeift, steht es leistungsgerecht 0:0 – ein torloses Unentschieden der besseren Art.

Die zweite Halbzeit beginnt mit Zeynel und Willi für Jens und Victor – und mit einem Paukenschlag: Noch völlig eingelullt von der Pausenmusik der Drei-Mann-Combo Extra 3 – Musik à la Oberkrainer – lässt sich die Enten-Defensive von einer simplen Körpertäuschung der Nummer 14 überraschen. Ein Schuss wie ein Strich von der Strafraumgrenze, und das Leder schlägt unhaltbar unter der Querlatte zum 1:0 für die Hausherren ein. Angetrieben von der Fanschar drängen die Enten auf den Ausgleich, doch allzu oft fehlt dem finalen Pass die Präzision; und wenn er doch gelingt, fehlen dem letzten Schuss Kraft und Genauigkeit. Mitten in die Drangphase hinein gelingt den Weinitzern bei einem Konter mit einem abgefälschten Schuss das glückliche 2:0.

Doch Enten kennen an diesem Tag keine Müdigkeit. Unermüdlich rollt ein Angriff nach dem anderen auf das Tor der steyrischen Kicker. Nach knapp 80 Minuten greift Coach Ronald verzweifelt ein letztes Mal in die Trickkiste: Er wechselt Angelo ein, den spielstarken Offensivmann. Der chilenische Ballkünstler hat genau zwei Ballkontakte: zunächst holt er dem Gegner den Ball vom benachbarten Parkplatz zurück, kurz danach stürmt er mit dem Leder am Fuß Richtung Mittelkreis – ein kräftiger Pfiff des Fifa-Mannes beendet abrupt seinen Lauf. Während Angelo leicht verwirrt erst nach links, dann nach rechts schaut, schließlich achselzuckend stehen bleibt, wundert sich der Enten-Trainer über den Pfiff – es war der Schlusspfiff, gut zwölf Minuten zu früh! „2:0, da wäre die Wende noch möglich gewesen“, wird sich Ronny U. noch Tage später ärgern. „Wir fühlen uns betrogen!“

Doch für grimmige Stimmung ist an diesem Pfingstsonntag keine Zeit. Mit Begeisterung verfolgen die Enten, wie das Meistertrikot des Grazer AK für rund 800 Euro zu Gunsten von Klaus versteigert wird. Fans des Stadtrivalen Sturm Graz hatten mitgeboten und gedroht, das Leibchen der Roten zu zerschneiden – das treibt den Preis in die Höhe. Die Blaskapelle läuft zur Höchstform auf, in einem weiteren Spiel schlägt die U14 von Weinitzen die U13 des Grazer AK ebenfalls mit 2:0, und in der Lokalpresse wird es heißen: „Weinitzen narrisch - Cordoba lebt“.

Für die Enten ist das Alles kein Grund zur Traurigkeit. Jeder verarbeitet bei der abendlichen Geburtstagsparty mit Live-Musik der Extraklasse die Niederlage auf seine Art. Bei ausgelassener Stimmung, heißen Tänzen, leckeren Speisen und üppigem Trank ist für Wehmut kein Platz. Mancher ließ sich verzaubern, das lateinamerikanische Enten-Trio setzte zu musikalischen Höhenflügen an; und der ein oder andere – vor allem der eine – ignorierte die Niederlage schlicht und ergreifend. Auch am Montag noch. Und sicher auch am Dienstag noch. Und wahrscheinlich auch heute noch.

Doch vor allem haben die Enten an diesem Wochenende bewiesen, dass sie nicht nur fußballerische Qualitäten besitzen. Auch abseits des Platzes haben sie sich bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Spieler als buntes Team präsentiert, das gemeinsam viel Spaß an diesem Wochenende erleben kann. Dafür danken wir in erster Linie Ronny und Izabella, aber natürlich auch Jens und allen anderen, die fleißig an der Organisation beteiligt waren. Und wir danken Mama Uhlich für die sachdienlichen Hinweise, die zu einer Abschlussrunde am Grazer Flughafen führten.

Montag Abend, noch gar nicht so spät. Eine Stadt am Rhein; Landeshauptstadt und Karnevalshochburg seit langem, und auch Erst-Liga-Stadt, seit kurzem. Ronald U. packt seine Reisetasche aus. Fußballschuhe muss er dieses Mal nicht putzen, auch keine verschwitzen Klamotten aufhängen. Auch Angelo O. packt seine Reisetasche aus. Fußballschuhe muss er dieses Mal nicht putzen, und auch keine verschwitzen Klamotten aufhängen.

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