Ente Bagdad ./. Mainz 05 Ultras 1:9
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Enten und Ultras stehen zusammen
Es gab nur ein Gesprächsthema: Die schrecklichen Bilder des Vortages aus Paris waren noch frisch in den Köpfen, der Schrecken in den Gliedern und die Gefühle aufgewühlt. Ja, der Terror war nicht neu, die Betroffenheit über schlimme Anschläge von Terroristen auf Menschen an vielen anderen Orten der Welt schon längst da. Doch sie werden stärker, die erdrückenden Fragen – vor allem nach dem Warum und Wie geht es weiter? Was kann ich selber tun?
In der Enten-Arena konnte es keine abschließenden Antworten, aber doch nur eine Reaktion geben: Wir solidarisieren uns mit den Opfern und den Angehörigen; und wir spielen jetzt erst recht mit unserem internationalen und bunten Haufen weiter Fußball. Wir spielen weiter für Verständigung, Miteinander und Vielfalt in Einheit; ohne die Welt in diesem Moment ändern zu können, aber doch im eigenen Umfeld stehend und gemeinsam irgendwie dem Herzen folgend weitergehend.
In diesem Geiste eins mit uns machten sich auch die Ultras von Mainz 05, unser für diesen Tag Spielpartner in der Enten-Arena. Werner, unser lange in Frankreich wirkender Vice-Président, versammelte beide Mannschaften zum Innehalten vor dem Anstoß am Mittelkreis. Es sollte das erste Spiel beider Mannschaften werden. Man wollte einfach vergnügt kicken, den Alltag hinter sich lassen. Nun war es anders. Alle konnten das Leid der vom anhaltenden Terror betroffenen Menschen nicht fassen. Es ist noch immer so unvorstellbar.
Jeder am Mittelkreis wusste, dass der sich in Paris barbarisch zeigende Horror bei vielen Spielern der Enten die eigenen Erinnerungen an Krieg und Unterdrückung wach hält. Genau dieser Terror hat sie aus ihren Heimatländern fliehen lassen. Aber sie schrien nicht nach Rache, nicht nach Kampf, nicht nach Vergeltung. Nein, sie schwiegen mit uns gemeinsam, zum Gedenken an die Opfer in Paris.
Manch einer mag beim Schweigen wohl auch an einen der neuen Mitspieler aus Afghanistan gedacht haben, der mit seiner Mutter und Schwester ohne den vermissten Vater und ohne Hab und Gut zu Fuß nach Deutschland gelaufen war. Noch lange erstarrte er hier mitten auf dem Platz bei einem Flugzeug über dem Kopf, aus Angst vor einem Kugelhagel. Inzwischen versucht er, die Fluglinien zu erkennen und deren Ziele zu erraten, und arbeitet Schritt für Schritt daran, vielleicht selber mal dorthin zu reisen. Der Gedanke an seine Geschichte rief ermutigend laut aus dem Schweigen heraus: Es gibt Hoffnung, man darf nie aufgeben! So war es dann auch einer der Flüchtlinge unter den Enten, der als erster den Ball nahm und zeigte, dass es weitergeht.
Der Sport trug dazu bei, an diesem Tag in der Enten-Arena ein Stück Normalität zurückzugewinnen. Gekommen waren viele, um die hundert waren versammelt. Die Enten stellten sogar je Halbzeit eine Mannschaft, um den eher flexibel wechselnden Ultras am Ende zu deren neun Toren zu gratulieren. Team eins der Enten hatte das Ehrentor erzielt. Die Enten und Ultras wollten sich aber vorrangig kennenlernen, austauschen, sich sportlich und menschlich begegnen, voneinander erfahren und lernen. Der gemeinsame Nenner neben dem Sport war schnell gefunden: Integration.
Einer der Organisatoren der Ultras berichtete nach dem Spiel davon, dass auch die Ultras ein bunter Haufen sind. Egal ob Tradition, Spielstil, kultige Spieler oder Trainer, Humba oder Tätärä: Irgendwas zieht die Ultras in der Summe gemeinsam an und lässt sie auf der Tribüne dafür mitfiebern, jubeln und feiern. Da ist Gemeinschaft und Zusammenhalt. Und einer hilft dem anderen, auch privat. Den Ultras ist es ein besonderes Anliegen, den vom Weg abgekommenen wieder zurück in die Spur zu helfen. Einer unter ihnen, eine Art Seelsorger der Ultras, berichtete davon, dass es aber nicht von heute auf morgen geht. Integration ist bei den Ultras wie bei den Enten ein mühsamer Prozess mit vielen Hürden. Aber wenn bei den Ultras in der Fanszene Anfeindungen der Gegner, Konfrontation und Gewalt dem reinen und fairen Anfeuern der eigenen Mannschaft und Toleranz und Respekt weichen, sogar von der Tribüne in den Alltag hinein, dann ist das für alle ein großer Sieg. Und jeder noch so kleine Schritt dorthin hat sich in der Summe gelohnt.
Es sollte normal sein, dass Menschen aus verschiedenen Kontinenten mit unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Bildung und Alter, mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen und mit teils krassen und tragischen persönlichen Geschichten friedlich zusammen Sport treiben und sich danach austauschen, miteinander trauern, zusammen zurück in den Alltag finden und dort bleiben. Es kann dem einen oder anderen auf dem Weg dahin aber auch erstmal neue Flügel verleihen und Mut machen: Nein, wir lassen uns keine Angst machen, wir lassen uns nicht spalten. Ja, wir werden weiter integrieren und nicht ausgrenzen und wir geben Rassismus keine Chance!
Für die Enten spielten: Carlos, Christian L., Eric der Franzose, Henrik, Karsten, Lars, Matthias W., Michael K., Mustapha, Ralf, Robert, Uli, Victor, Werner, Samir, Mohamed, Quasem, Ajmal, Florence, John und Joseph.
Danke an Robert für diesen etwas anderen Spielbericht.
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