Ein halbes Jahrhundert Integration durch Fußball

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Mainzer Freizeit-Kicker von Ente Bagdad feiern 50-jähriges Jubiläum

(Mainz – Christian H.) Vor ziemlich genau 50 Jahren – im Sommer 1973 – wurde ein ganz besonderes Fußballspiel in Rheinland-Pfalz angepfiffen: Der erste „offizielle“ Kick des gar nicht so offiziellen Teams des FC Ente Bagdad! Gespielt wurde nicht märchenhaft in Bagdad, sondern auf holprigem Gras in der Grünanlage neben einem Krankenhaus in der Mainzer Oberstadt. Als Tore dienten bunte Stahlrohr-Klettergerüste, wie sie seinerzeit auf Kinderspielplätzen in Mode waren. Auch wenn das Spiel 1:5 verloren ging: Fürs Erste war man zufrieden. „Wir hatten unser erstes Tor geschossen, hatten mit unseren blütenweißen Trikots und den längeren Haaren den Gegner modisch in den Schatten gestellt“, erinnert sich Enten-Gründungsmitglied Ronald Uhlich. Das wichtigste Fazit aber war: Auch die erste dicke Packung konnte die Enten nicht von ihrem Weg abbringen.

Seither gab es zahllose weitere Spiele, teils mit Niederlagen, teils mit tollen Siegen, und nicht selten mit glücklichen und unglücklichen Unentschieden. „Die Anziehungskraft dieses Hobbyvereins auf unterschiedlichste Menschen über Jahrzehnte hinweg entspringt jedoch nicht den Resultaten, sondern dem Einsatz für Toleranz und der gelebten Freude auf und neben dem Platz“, betont Uhlich – getreu dem Vereinsmotto „You’ll never watschel alone“. In Mainz zu Hause, bot und bietet der Verein Heimat für Menschen aus mittlerweile über 25 Nationen. Spielstärke, Alter, Nationalität, sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität oder Religion spielen bei den Enten keine Rolle. Dort wird „Diversity“ seit 50 Jahren praktiziert!

Um einander besser kennen zu lernen und Zeichen für Toleranz zu setzen, organisiert der Verein auch unglaubliche Kultur-Kick-Reisen in die Heimatländer von Spielern und Freunden. Auf der Reiseroute lagen u.a. Frankreich, Polen, Belgien, die Schweiz, Großbritannien, Marokko, Israel, Syrien und Bolivien. Im Sommer 2023 landen die Enten in Ruanda. Geschichtsträchtige Orte sind ebenfalls im Enten-Navigationsgerät gespeichert. Eindrückliche Besuche von Konzentrationslagern (u.a. Auschwitz in Polen, Dachau bei München), von Parlamenten (Bundestag in Berlin, Europäisches Parlament in Brüssel) und von Gedenkstätten (u.a. Yad Vashem in Jerusalem) vergegenwärtigen, wie wichtig der Einsatz für Demokratie und Vielfalt ist.

Mehrfach ausgezeichnet ist Ente Bagdad mit seinen Werten mittlerweile auch überregional ein Begriff. Nicht ohne Grund erhielt Enten-Präsident Ronald Uhlich im Oktober 2021 stellvertretend für das gesamte engagierte Enten-Team das Bundesverdienstkreuz. Weitere besondere Ehrungen waren der Integrationspreis des DFB 2017, für das Engagement gegen Antisemitismus und das Vergessen – für Gemeinsamkeit und Vielfalt der Julius Hirsch Preis 2019 zusammen mit den Toten Hosen und auch der internationale Obermayer Award 2023.

Dass die Enten solche Preise verdienen, beweisen sie immer wieder aufs Neue. Seit nunmehr fast zehn Jahren engagieren sich das Team von Ente Bagdad und sein Dachverein Vitesse Mayence bei der Integration von Geflüchteten durch eine Beteiligung an den Programmen „Willkommen im Fußball“ und „fit nach vorn“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Und auch als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel und daraufhin viele Menschen das Land verlassen mussten, standen die Enten wenige Tage später bereits mit Angeboten für die Geflüchteten bereit: Zwei Mal die Woche wird ein Training für ukrainische Kinder angeboten, das von den vier- bis zwölfjährigen sowie ihren Müttern regelmäßig und gerne angenommen wird.

Im Rahmen der durch den FC Ente Bagdad initiierten „Mainzer Erinnerungswochen“ rund um den Erinnerungstag im deutschen Fußball am 27. Januar wird seit 2017 der Opfergruppen des Nationalsozialismus gedacht. Dabei berichten auch Zeitzeugen wie Zvi Cohen und Eva Szepesi von ihren Leben, Leiden und Hoffnungen für die Zukunft. „Es gilt, aus der Geschichte zu lernen und sich für Demokratie und den Zusammenhalt in unserer diversen Gesellschaft für heute und morgen einzusetzen“, fordert Uhlich.

In ihrem Engagement schließen sich die Enten mit starken Partnern aus Sport, Politik, Wirtschaft und Hilfsorganisationen zusammen, wie etwa dem 1. FSV Mainz 05, dem jüdischen Sportverein Makkabi Deutschland, der Stiftung Juvente, Malteser Mainz, Mainzer Volksbank, Landessportbund Rheinland-Pfalz, Frauen- und Innenministerium Rheinland-Pfalz, der Stadt Mainz oder DFB- und DFL-Stiftungen.

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Kommentare

Kommentar von Oleh |

Mein Sohn besucht diesen Sportverein, wir sind sehr zufrieden, es war interessant, etwas über die Geschichte des Vereins zu lesen, gute und verantwortungsbewusste Leute, danke)))

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