Schattenheld

(Kommentare: 3)

Ein langes bedeutungsloses Wochenende oder: Wie man Geschichten erzählt, an die man sich (nicht) erinnern kann

Ein vielsagender Blick in die Mentalität der Nachkriegsdeutschen

Pünktlich zum Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich erzählt der deutsche Autor Holger Dauer mit „Schattenheld“ in bemerkenswert kluger Weise die Geschichte eines Weltmeisters.

Es wird viel darüber gestritten, ob Denken vor der Sprache möglich ist, ob sich Erinnerungen, Wahrnehmungen, Identitäten und Kulturen ohne Worte konstituieren lassen. Man kann freilich auch darüber diskutieren, ob man sich diese Frage überhaupt stellen muss, denn die Vielzahl der Menschen, die sich in ihre wenn auch unreflektierten Identitäten einfinden, ohne sie je in Worte zu fassen, scheint ja eine beredte Antwort zu sein. Der „Schattenheld“ ist ein solches Beispiel: Wortreich und dennoch sprachlos präsentiert er uns eine komplexe Persönlichkeit, die – beispielhaft in vielen Belangen – mit ihrem ebenso simplen wie fantastischen Dasein überfordert ist.

Dem Leser geht es dabei wie dem beschriebenen Helden: Er erfährt durch die kompakte Erzählung ein intensives Erlebnis, das im Nachgang kaum in eine lineare Erzählung passt. Daher ist der „Schattenheld“ kein Roman über Fußball, keine Huldigung an das Wunder von Bern, keine nostalgische Betrachtung einer Zeit, deren innere Verwerfungen in der Erinnerung sepiafarben geglättet werden.

Erinnerung ist das eigentliche Thema dieses Romans, die Erinnerung, die der Hauptfigur aus den Händen gleitet wie der Ball, der ihr nach dem Abpfiff des Endspiels 1954 vom Schiedsrichter überreicht wird.

Der Mann, der mit Sepp Herberger und Fritz Walter in jenem Jahr Fußballweltmeister wurde, wird von dieser Geschichte noch im September 1969 bis in den Traum verfolgt, flieht in eine Kneipe zu Bier und Schnaps, der ihm von den Stammtischlern spendiert wird, damit er von der nun schon 15 Jahre zurückliegenden Weltmeisterschaft erzählt, am besten schöne, heldenhafte, markige Anekdoten, und natürlich keine weinerlichen Darlegungen all der Ängste, die das Heldentum begleiten.

Der Mann bleibt in der Erzählung namenlos und ist dennoch zweifelsfrei zu erkennen: Holger Dauer legt Wert darauf, dass es sich um Fiktion handelt, und fügt trotzdem eine gewissenhafte Bibliographie an, die schon die Meta-Meta-Erzählung andeutet. Das berührende Schicksal des Menschen, der als Kaiserslauterner Fußballspieler dortselbst in Bronze gegossen verewigt, dessen Grab aber bereits eingeebnet wurde, ist doch nur die bildhafte Oberfläche für traumhaften Erfolg, dem nichts eigenes entgegensteht oder gar folgt, sondern nur medial existiert, und sei es nur durch das Medium der eigenen, immer unzuverlässigeren Erinnerungen.

Denn genau das ist das Problem des Protagonisten: Seine Geschichte ist nicht nur seine, sie ist eng verwoben mit dem Gedächtnis der Nation, so dass er zerrissen wird zwischen dem Bedürfnis, sich die eigene Geschichte wahrheitsgemäß zu vergegenwärtigen, und dem Bedürfnis der anderen nach einem Mythos.

Dies alles, die Geschichte des ehemaligen Weltmeisters und jetzigen Alkoholikers, seine eigene Reflektion dieser Geschichte, seine eigene Verballhornung der Geschichte um der Gunst des Stammtischpublikums willen, und mithin die implizite Frage nach der Bedeutung von Ereignis und Erzählung packt Holger Dauer in einen dichten Text, der vielleicht einer Fußballberichterstattung ähnelt: parataktisch, stakkatohaft, zuweilen schnell und eindimensional, dann wieder gebremst, rückspielend, wie nach Flanken annehmenden Mitspielern suchend. Dabei kommt auch immer wieder gewandtes Sprachtalent zum Vorschein, das im Leser große Bilder hervorruft wie das des „siegesverstörten“ und „stolzverschämten“ Schweigens der Spieler nach ihrem Erfolg. Da gelingt dem Autor mit wenigen Worten ein vielsagender Blick in die Mentalität der Nachkriegsdeutschen.

Im Roman stellt sich der Protagonist die Frage, wie man eine solche Geschichte erzählen soll. Und wir möchten antworten: Genau so.

Eine dicke Leseempfehlung der Entenredaktion.

Mehr auf dem Dauerblog, der Webseite zum Buch und auf Facebook. Bestellen kann man das Buch in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag. –Schon mal reinhören? Hier gibt es eine Video-Leseprobe. Und auch den Buchtrailer gibts schon zu sehen.

© Friderike Beyer

 

Nachtrag der Red.: In der Mainzer Allgemeinen Zeitung vom 5. August 2016 erschien ein Interview mit dem Schriftsteller sowie eine Buchbesprechung von Michael Jacobs.

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Kommentar von Richard |

Sehr, sehr interessanter Artikel liebe Friderike. Es ist bekannt das einige der 54er Stars im Anschluss ihres großen Erfolges völlig eingebrochen sind. Werner Kohlmeyer zum Beispiel, welcher Jahre später als Pförtner bei der Allgemeinen Zeitung Mainz in der Großen Bleiche beschäftigt war und in den 70ern verstarb. Nur wer war dieser Mann, dessen Grab in Lautern bereits eingeebnet wurde ? Das Interesse, dieses Buch zu lesen, würde mit dem Wissen über den Namen des Mannes sicher steigen. Bei mir auf jeden Fall.

Kommentar von Friderike |

Lieber Richard, danke für die freundliche Rückmeldung! Stell dir doch einfach vor, die Figur sei tatsächlich von deinem Beispiel inspiriert, und finde beim Lesen heraus, ob du richtig liegst!

Kommentar von Silvia |

Um das Buch schleiche ich schon die ganze Zeit herum, seit ich davon gehört habe. Nach dieser Besprechung werde ich es wohl endlich kaufen.